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Er konnte noch gerade eben den Rand einer Tätowierung ausmachen, die sich um ihr Schlüsselbein schlang – eine Schlange, die sich zu einer Acht verkrümmte und ihren Schwanz verschlang. »Deirdre? Deirdre Falling Hawk?« »Mein sanfter Krieger«, sagte sie. Dann lehnte sie sich über die Bartheke und küßte ihn, lähmte ihn wie einen Hirsch, der im grellen Strahl der Taschenlampe eines Jägers gefangen ist. Travis hatte sie drei Jahre zuvor kennengelernt. Es war in den letzten Junitagen gewesen, als das hektische Summen soeben geborener Insekten zu einem gemütlicheren Brummen geworden war und jeden Nachmittag Wolken über den quarzblauen Himmel trieben und das Tal mit Donner erfüllten. Sie kam eines Abends durch den Eingang des Saloons und brachte das leise Klirren eines kupfernen Windspiels mit. Ihr Haar war damals lang gewesen, wie eine Welle mitternächtlichen Wassers, aber sie hatte dieselbe Lederjacke getragen und dieselben Motorradstiefel, und auf der Schulter ruhte derselbe Holzkasten. Sie sagte, sie hieße Deirdre Falling Hawk und sei Bardin. Im vergangenen Monat hatte sie bei dem großen Mittelalter-Festival ein paar Meilen den Highway runter gearbeitet. Jetzt, da das Festival geschlossen war, war sie in der Hoffnung, Arbeit zu finden, nach Castle City gekommen, bevor sie weiterzog. »Die Berge schenken mir Lieder«, sagte sie. »Ich hasse es immer, sie zu verlassen.« Travis wußte nur, daß er noch niemals etwas so Schönes gehört hatte, als sie auf der polierten Mandoline, die sie aus dem Kasten geholt hatte, eine Melodie spielte. Er räumte die Kisten von der Plattform neben dem Klavier, die einst als Varietebühne gedient hatte, und stellte dort einen Stuhl auf. In den nächsten beiden Wochen saß Deirdre Falling Hawk jeden Abend auf der kleinen Bühne und spielte auf ihrer Mandoline. Sie war von sowohl irischer wie auch indianischer Abstammung, und sie brachte beide Traditionen in ihre einfache, im Gedächtnis haftenbleibende Musik ein. Nach diesem ersten Abend verbreitete sich die Neuigkeit schnell, und jeden Abend drängten sich die Einheimischen in der Bar, um sie ein Repertoire spielen zu hören, das Madrigale aus dem dreizehnten Jahrhundert, keltische Balladen und Mythen der Prärieindianer umfaßte, die sie mit ihrer melodischen Stimme rezitierte. Während der Tage sah Travis nur wenig von ihr. Aber ein paarmal hielt sie ihre Harley an, wenn sie auf der Elk Street an ihm vorbeifuhr. »Spring drauf, mein sanfter Krieger«, pflegte sie dann zu sagen. Mein sanfter Krieger. So nannte sie ihn immer, nachdem er ihr die Geschichte der antiken Nickelbrille erzählt hatte, die er trug und die einst dem Revolverhelden Tyler Caine gehört hatte. Er kletterte hinter ihr auf das Motorrad, und sie donnerten den Canyon hinauf und legten sich schräg in die Kurven. Und schließlich, eines Nachts, saßen sie da und unterhielten sich noch lange, nachdem der Saloon geschlossen hatte, tranken Whiskey und tauschten kleine Träume aus. In einem stillen Augenblick hätte Travis beinahe die Hand ausgestreckt, um über ihr Haar zu streichen. Beinahe. Seine Hand verharrte und griff dann unbeholfen nach dem Glas. Er war sich später nie sicher gewesen, warum er es nicht getan hatte, warum er nicht zugelassen hatte, daß sich seine Finger in der Weichheit ihres Haars verfingen, warum er sie nicht an sich gezogen und geküßt und sie auf einer Decke auf dem mit Sägespänen bedeckten Boden geliebt hatte. Aber Liebe war eine Art Macht, nicht wahr? Und Macht war, wie er nur zu gut wußte, eine gefährliche Sache. Am nächsten Abend hörte er Deirdre nach ihrem Auftritt auf ihrem Motorrad die Elk Street entlangbrausen. Er hatte sie niemals wiedergesehen. Bis zu diesem Augenblick. Er musterte sie. »Ich hätte wissen sollen, daß der Hobel da draußen dir gehört.« »Der ist neu. Ich habe ihn letzten Sommer in Cody bekommen.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem durchtriebenen Lächeln. »Ich habe ihn beim Pokern einem Hell’s Angel aus L.A. abgenommen.« »Erinnere mich daran, mich niemals von dir zu einer Partie Fünf-Karten-Stud überreden zu lassen.« |